19. August 2010, DIE ZEIT

»Die Menschen hier zeigen eine Initiative, wie ich sie woanders nie gesehen habe«

Trotzdem entscheiden sich einige Menschen ganz bewusst dafür, hier zu bleiben. Oder sogar in den Leipziger Osten zu ziehen. Paula Hofmann ist eine von ihnen. Die Studentin hat mit 13 Freunden ein Haus gesucht, das sie selbst umbauen und vom Dachgeschoss bis zum Keller nutzen können. Im Bülowviertel, einem nur aus wenigen Straßen bestehenden, wildromantischen Gründerzeitquartier an der Eisenbahnstraße, lebt sie jetzt. »Dieser
Stadtteil ist mir richtig ans Herz gewachsen«, sagt sie. »Die Menschen hier zeigen eine Initiative, wie ich sie woanders so nie gesehen habe.« Oder die woanders nicht so stark auffallen würde. In der Nachbarschaft stehen »Wächterhäuser«, von Künstlern zur kreativen Zwischennutzung übernommene Gebäude, die lange leer standen. Es gibt eine Volksküche, Künstlerateliers. »Natürlich«, sagt Hofmann, »ist die Armut hier offensichtlich.« Man kann sie nicht ausblenden, ihr nicht entfliehen. »Aber dadurch ist auch alles hier viel direkter und ehrlicher. Ich habe das Gefühl, es gibt hier nicht solche Berührungsängste zwischen den Menschen.« Das merkt sie besonders an ihrem neuen Arbeitsplatz, dem »Quartiersladen Bülowviertel«. In einem Eckhaus an der Eisenbahnstraße haben private Vermieter einen Nachbarschaftstreff eingerichtet, wo Wohnungssuchende und -bietende zusammenfinden können. Es ist der verzweifelte Versuch von Wohnungseigentümern, auf die soziale und finanzielle Realität in Leipzig zu reagieren. In der Stadt gehören fast zwei Drittel aller Wohnungen Privatleuten. Jeder Zweite von ihnen ist, in unterschiedlichem Ausmaß, von Leerstand betroffen. Beides zusammengenommen - Sozialstruktur und Leerstand - ergibt eine »ruinöse Kombination«, sagt Eckardt Nowak vom Eigentümerverband Haus und Grund. Weil viele Vermieter Angst davor haben, ihre in den neunziger Jahren topsanierten Wohnungen leer stehen zu lassen, vermieten sie diese an sozial schwache Familien. Diese können aber nicht mehr als den vom Amt erlaubten Quadratmeterpreis von 3,85 Euro bezahlen, was noch nicht einmal die Kosten der ersten Sanierung wieder einbringt und weitere Maßnahmen ausschließt. »Wir nähern uns DDR-Verhältnissen wieder an«, sagt Nowak. »Die Häuser verfallen, werden zwangsversteigert, oder der Vermieter reiht sich in die Klientel seiner Mieter ein.« Es sei denn, man reagiert rechtzeitig. Eine wichtige Klientel für topsanierte Wohnungen sind: Hartz-IV-Empfänger Katrin Kahraman besitzt drei Häuser im Leipziger Osten. Mit ihrer Tochter auf dem Rücksitz fährt sie durchs Quartier, biegt in eine gepflasterte Seitenstraße ein und passiert ihr hochwertig saniertes Gründerzeithaus mit leuchtend gelber Fassade und riesigen Balkonen. »Die Wohnungen in dem Haus sind zu groß und der Standard zu hoch, um sie vom Amt bezahlen lassen zu können«, sagt sie. Und das ist problematisch, weil in der Gegend Hartz-IV-Empfänger eine wichtige Mieterklientel sind. Das Haus war Kahramans liebstes Investitionsobjekt, sie selbst lebte dort, ihr Schwager bezog mit der ganzen Familie eine Etage. Für die anderen Wohnungen Mieter zu finden ist jedes Mal aufwendig. Damit sich das ändert, hegt Kahraman mit anderen engagierten Privateigentümern den kühnen Plan, das Bülowviertel wieder attraktiv zu machen. Es sollen ein Spielplatz und ein Streetball-Feld in Brachen hineingebaut werden, Nachbarschaftsfeste stattfinden und Schandflecken weichen. An den überwucherten Fassaden leer stehender Häuser hängen grüne Plakate mit der Aufschrift »Kaufen Sie dieses Haus« oder »Grüner wird's nicht«. Es ist ein Experiment, von dem keiner weiß, ob es wirklich funktioniert. »Bei Eine wichtige Klientel für topsanierte Wohnungen sind: Hartz-IV-Empfänger Katrin Kahraman besitzt drei Häuser im Leipziger Osten. Mit ihrer Tochter auf dem Rücksitz fährt sie durchs Quartier, biegt in eine gepflasterte Seitenstraße ein und passiert ihr hochwertig saniertes Gründerzeithaus mit leuchtend gelber Fassade und riesigen Balkonen. »Die Wohnungen in dem Haus sind zu groß und der Standard zu hoch, um sie vom Amt bezahlen lassen zu können«, sagt sie. Und das ist problematisch, weil in der Gegend Hartz-IV-Empfänger eine wichtige Mieterklientel sind. Das Haus war Kahramans liebstes Investitionsobjekt, sie selbst lebte dort, ihr Schwager bezog mit der ganzen Familie eine Etage. Für die anderen Wohnungen Mieter zu finden ist jedes Mal aufwendig. Damit sich das ändert, hegt Kahraman mit anderen engagierten Privateigentümern den kühnen Plan, das Bülowviertel wieder attraktiv zu machen. Es sollen ein Spielplatz und ein Streetball-Feld in Brachen hineingebaut werden, Nachbarschaftsfeste stattfinden und Schandflecken weichen. An den überwucherten Fassaden leer stehender Häuser hängen grüne Plakate mit der Aufschrift »Kaufen Sie dieses Haus« oder »Grüner wird's nicht«. Es ist ein Experiment, von dem keiner weiß, ob es wirklich funktioniert. »Bei meinen anderen Wohnungen in der Eisenbahnstraße«, sagt Katrin Kahraman, »achte ich darauf, dass die Sanierungskosten nicht zu hoch werden.« Das heißt: keine Echtholztüren mehr, keine Marmorfensterbänke, kein Stuck, keine Fußbodenheizung, kein Balkon. Aber dafür: Mieter mit Wohnberechtigungsschein. Wer sich in einer armen Gegend niederlässt, muss lernen, sich darauf einzustellen.

 

DIE ZEIT, 19. August 2010

 

Den vollständigen Artikel "Reich an Armut" finden Sie hier

 

 

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